Ubuntu Unity: Der Irrweg zum Einheits-Desktop

Kürzlich ist Version 11.11 11.10 von Ubuntu erschienen. Es ist die erste Version seit langer Zeit, die ich nicht mehr auf meinem Notebook installiert habe. Ich bin abtrünnig geworden, offenbar nicht als einziger. Das Problem hat einen Namen: Unity. Die mit fast schon ungesundem Ehrgeiz von Ubuntu-Gründer und -Finanzier Mark Shuttleworth erstmals in Ubuntu 11.04 eingeführte Shell hat nicht nur lauten Widerspruch in der Community erzeugt, sondern Ubuntu auch Anwender gekostet. Warum? Sind Ubuntu-User zu konservativ für Unity, oder ist Unity zu unproduktiv für Ubuntu-User?

Zunächst: Ein Desktop ist kein x-beliebiges Stück Bildschirm-Tapete. Anwender, die ihre Rechner vor allem als Arbeitsmittel nutzen, pflegen eine über Jahre hinweg eingespielte und vertraute Beziehung zu ihrem Desktop. Mausklicks und Tasten-Shortcuts laufen unbewusst und automatisch ab. Da kann einem schon der Wechsel der Fenster-Buttons von rechts nach links – eine „Innovation“ von Ubuntu 10.04 – sauer aufstoßen.

Diese Schapsidee ließ sich zum Glück noch per Gconf-Tool rückgängig machen. Es genügten auch ein paar Klicks, um beim alten Gnome-2-Desktop eine der beiden standardmäßig vorgesehenen Leisten zu entfernen. Ein Panel reicht mir nämlich vollkommen aus, und jeder Millimeter Desktop-Fläche ist mir lieb und teuer.

Nun gehöre ich gewiss nicht zu den Desktop-Schraubern, aber heute will mir Unity selbst solche globalen Anpassungen verbieten. Warum? Weil es so und nicht anders modern und benutzerfreundlich sei, dekretieren Shuttleworth und seine Designer: Oben muss eine horizontale Leiste für Indikator-Applets und Mac-mäßige Fenster-Menüs sitzen. Links die vertikale Starter-Leiste, weil auf Widescreen-Displays ohnehin viel Platz in der Breite ist. Basta.

Bin ich also konservativ, weil ich diese im Namen des Neuen, Modernen oktroyierten Segnungen ablehne? Dabei gelten Linux-Anwender doch durchaus als experimentierfreudig – sonst hätten sie sich wohl nicht für Linux entschieden. Ich habe unter Ubuntu 11.04 Unity wochenlang ausprobiert – und auch das via PPA parallel installierbare Gnome 3. Beide sind sich konzeptionell übrigens ähnlicher, als zu wünschen wäre. Ja sie teilen sogar diese seltsame Obsession für einen Hotsport im linken oberen Bildschirmeck, also jenen Punkt, der am weitesten von meiner Rechtshänder-Maus entfernt ist. Beide gehen nicht sparsamer, sondern verschwenderischer mit meinem Desktop um. Beide zeigen mir das, was ich bisher in meinem einzigen Panel immer im Blick hatte, erst nach einer Mauswanderung nach links bzw. einem Druck auf die Super-Taste.

Also bin ich wohl konservativ. Ein Traditionalist. Mein Oldschool-Desktop ist Ressourcen-schonender, übersichtlicher und reibungsloser zu bedienen, also produktiver (und auch schöner als Unity mit seiner plumpen Icon-Leiste , aber über Geschmack lässt sich bekanntlich schlecht streiten). Dank Dockbarx (Launcher/Taskleiste wie bei, sorry folks, Windows 7) und Kupfer (inspiriert von Quicksilver für Mac) hat mein Desktop aus dem Altersheim übrigens längst „moderne“ Bedienkonzepte erlernt.

Wo liegt also der Hund begraben? Mir scheint, Canonical, die Firma hinter Ubuntu, hat nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern auch ein konzeptionelles Problem mit Unity. Es ist nicht der große Wurf, der es vorgibt zu sein. Man darf auch nicht vergessen, dass der vertikale Launcher schon 2008 mit dem Ubuntu Netbook Remix debütierte. Seither hat Unity sehr viel dazugelernt, gewiss, aber ein Geburtsfehler bleibt: Warum sollte eine ursprünglich für kleine Netbook-Bildschirme gestaltete Benutzer-Oberfläche für ein größeres Notebook-Display oder gar für den am Schreibtisch angedockten 24-Zoll-Boliden geeignet sein?

Laut Selbstdarstellung möchte Unity ja nicht nur „a consistent user experience for desktop and netbook users alike“ bieten, sondern auch alle Ansprüche an einen freien Desktop einlösen, „while optimizing the experience for touch, consistency and collaboration“. Ein Einheits-Desktop für Mausschubser und Touch-Screens, für kleine und große Computer, für alles und jeden? Das Problem von Unity scheint darin zu bestehen, zu viel zu wollen und dabei alle Anwender und Plattformen über einen Kamm zu scheren.

Sicher gibt es Nutzer, die das anders sehen. Angesichts der breiten Anwender-Basis von Ubuntu dürften das nicht gerade wenige sein, und natürlich bleibt es jedem überlassen, seine Desktop-Wahl zu treffen, wir sind ja nicht bei Apple oder Windows. Trotzdem ist die Zukunft von Ubuntu mit Unity, die sich Shuttleworth schon auf allen Plattformen in den buntesten Farben ausmalt, kein Selbstläufer. Canonical hat sich bisher nicht gerade durch Eigenentwicklungen hervorgetan – spontan fällt mit nur upstart ein. Ubuntu profitiert immer noch stark von seiner Debian-Basis. Es ist Ubuntus nicht gering zu schätzender Verdienst, daraus eine benutzerfreundliche, aufgeräumte und aufpolierte Distribution gemacht und damit Linux insgesamt einen Popularitäts-Schub verpasst zu haben.

Ob Canonical genug Kraft haben wird, seinen eigenen Desktop weiterzuentwickeln, ohne dass die Pflege der gesamten Distribution darunter leidet, muss sich aber erst noch zeigen. Auch aus diesem Grund erscheint mir Gnome 3, müsste ich jetzt zwischen beiden wählen, als die empfehlenswertere Alternative. Die elegantere (Vorsicht: Geschmacksurteil) sowieso. Der Umgang mit virtuellen Arbeitsflächen gefällt mir dort sogar richtig gut. (Nur ist er leider wie so vieles in der neuen Oberfläche ein hidden feature, weil der Arbeitsflächenumschalter nicht mehr wie früher auf Anhieb im Panel sichtbar ist.) Sollte man also unter Ubuntu Gnome 3 nachinstallieren und anstalle von Unity verwenden? Das kommt nur in Frage, wenn der neue Gnome-Desktop von Canonical nicht so stiefmütterlich behandelt wird wie zuvor KDE4 und Kubuntu.

Was sind die Alternativen? Linux Mint, lange Zeit nicht viel mehr als ein grün gefärbtes Ubuntu-Derivat, hat zumindest laut Distrowatch nach Nutzerzahlen Ubuntu entthront – einfach indem man sich Unity verweigert. Doch das bei Mint 11 installierte Gnome 2 ist ein Auslaufmodell; das Gnome-Projekt kapriziert sich ganz auf die neue Dreier-Version, und der als „Gnome Classic“ in der Session-Verwaltung auswählbare 2D-Fallback-Modus von Gnome 3 ist als „kastriertes Gnome 2“ noch freundlich beschrieben. Ob ein Gnome-2-Fork namens Mate (wie der Tee) überleben wird, steht noch in den Sternen. Der offenbar bislang einzige Entwickler aus Argentinien hat zumindest Humor: Mate, schreibt er, sei „a non-intuitive and unattractive desktop for users, using traditional computing desktop metaphor“.

Als nächstes will Mint eine Gnome-3-Variante liefern und diese mit Hilfe einer Erweiterung namens Mint Gnome Shell Extensions so aufbohren, dass sie wieder auf traditionelle Weise zu bedienen ist. Doch warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Die Lücke, die Gnome 2 hinterlässt, könnte auch das grundsolide XFCE füllen, das lange nur als leichtgewichtigerer Gnome-Nachahmer galt. Mittlerweile ist mit LXDE ein weiteres Desktop-Leichtgewicht hinzugekommen. Mit Xubuntu respektive Lubuntu sind von beiden auch Ubuntu-Derivate verfügbar. Xubuntu habe ich schon selbst eingesetzt (sogar auf einem Tablet-PC), es wurde mir dann aber zu Gnome-artig, so dass ich gleich das Original genommen habe.

Ach ja. Ich bin übrigens dann mal weg von Ubuntu, zurück zu Debian. Schon seit September läuft hier LMDE, die Linux Mint Debian Edition, wieder mit XFCE. Mehr dazu vielleicht demnächst. Und trotz allem schönen Dank an Ubuntu.

11 Gedanken zu „Ubuntu Unity: Der Irrweg zum Einheits-Desktop

  1. Guenter

    Offensichtlich bin ich doch noch normal 😉
    Mit Unity wird mir die Gestaltungsfreiheit genommen, die ich bisher an Ubuntu und dem „klassischen“ Desktop Konzept geschätzt habe.

    Allerdings bin ich keineswegs so fit mit Linux, dass ich für Testzwecke die unterschiedlichen Implementationen parallel installieren kann. Und jedes mal die gesamte xLinux Version zu installieren, um einen anderen Desktop zu testen ist sicher nicht effektiv.

    Eine Beschreibung wie eine parallel Installation von zB. Ubuntu / Xubuntu / Mint gemacht werden kann wäre super.
    Oder einfach zwei Installation: Arbeitsumgebung und Spielwiese.
    Wäre eine Supersache!

    Günter

  2. admin Artikelautor

    Nun, grundsätzlich kannst Du mehrere Desktop-Umgebungen parallel in EINER Linux-Installation einrichten. Beim Login-Dialog wählst Du dann aus, welchen Desktop Du gerade gerne nutzen möchtest. Das funktioniert wohlgemerkt, OHNE „jedes mal die gesamte xLinux Version zu installieren“.

    Da viele Desktops (z.B. XFCE) zudem nach Richtlinien von Freedesktop.org arbeiten, sollten Deine Anwendungsmenüs und andere Basics auch überall gleich aussehen. Und alle greifen natürlich auf Deine Dateien/Dein HOME-Verzeichnis zu.

    Genau so habe ich unter Ubuntu 11.04 parallel Gnome 3/Unity und dazu den Abklatsch des alten Gnome 2 a.k.a. Gnome Classic genutzt.

    Inzwischen habe ich Ubuntu nicht mehr installiert. Deshalb ungeprüft: Ich würde Dir als Ubuntu-User empfehlen, XFCE mit sudo apt-get install xubuntu-desktop nachzuinstallieren, da es dem alten Gnome 2 am nächsten kommt. Du bekommst dann beim Login alternativ zu Unity den XFCE-Desktop angeboten und kannst das eine oder das andere nutzen, OHNE Dein System komplett neu installieren zu müssen.

  3. Guenter

    Danke für die schnelle Antwort.
    So ganz einfach stellt es sich mir nicht dar. Auf eine Standard Ubuntu Installation hatte ich — wie du sagst — xubuntu-desktop nachzuinstalliert. Wie an anderer Stelle nachzulesen gibt das ein Durcheinander der Menüstrukturen .. warum auch immer.
    Der saubere Weg war für mich die Xubuntu Installation, dann ist Unity erstmal außen vor, aber auch dort kann man beim Starten Unity auswählen. Nur scheint auch dann nicht alles sauber zu sein. Das Startmenü gibt neben Xububtu und Ubuntu/Unity auch XFCE an, aber da startet bei mir garnix. Nur Reboot und dann Xubuntu hilft.

    Leider ist das Ganze nicht erfreulich, bleibt die Hoffnung, dass Canonical sich eines besseren besinnt .. aber das mit der Hoffnung …

  4. Pingback: Alt-Tab in Ubuntu 11.10 ist kaputt « Jakoblog — Das Weblog von Jakob Voß

  5. Dreamsearcher41

    „Kürzlich ist Version 11.11 von Ubuntu erschienen….“ !!!

    Wooooow Das muß es sich wohl um eine reine PRIVATstrand Version handeln, welche noch niemand – ausser dir – so richtig angetestet hat.

  6. admin Artikelautor

    @Dreamsearcher41: 11.11 ist die Version „crazy carnival“, kennste die nicht? Narretei beiseite, ich hab‘ den Nummernsalat mal korrigiert.

  7. tibsun75

    1. Du selbst ernannter Poweruser: Wo wäre Linux ohne Ubuntu????
    Also immer schön die Schnauze halten. Wenn es dir nicht passt wechsel halt zu Suse !

  8. Jan

    @basher der Autor hat hier ganz sachlich geschrieben warum ihn der Desktop auf Ubuntu nicht mehr gefällt und das auch sehr ausführlich. Ich weiss nicht wieso man sich darüber ärgert. Ich selbst bin z.B. von Ubuntu auf Xubuntu (Laptop) und am PC auf Kubuntu gewechselt. Gerade Xubuntu hat mich sehr überrascht, ich finde es ist sehr erwachsen geworden.

    Das Problem liegt für mich auch nicht an Unity selbst. Selbst Gnome 3 mag mich nicht sonderlich. Vielleicht bin ich ja zu lernresistent, jedoch konnte ich mich an Xfce und KDE schnell anfreunden.

    Rechtschreibfehler und Typos im Blog sind zwar unschön, müssen aber nicht gleich inhaltlich alles nieder machen.

  9. Pingback: Privatstrand » Blog Archiv » Nichts rollt mehr bei der Linux Mint Debian Edition

  10. Pingback: Privatstrand » Blog Archiv » Die Nvidia-Grafik unter Linux macht Fortschritte

  11. Pingback: Fünf Jahre später: Unity vs. Gnome Shell revisited | Privatstrand

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *