Wie Journalistenverbände um Mitglieder konkurrieren

Mit den Journalisten ist es nicht anders als mit den Kaninchenzüchtern: Die Relevanz eines Vereins steigt mit der Zahl seiner Mitglieder, und untereinander streitet man gerne um Posten und Pfründe. In jüngster Zeit hat sogar ein regelrechtes Hauen und Stechen unter den journalistischen Verbänden eingesetzt.

Deren Branchen-Primus ist der Deutsche Journalisten-Verband, dessen Ansehen allerdings in den letzten Jahren unter typisch vereinspolitischem Händel gelitten hat. Da wollte der DJV ein paar unliebsame Landesverbände in Berlin und Brandenburg loswerden, was ihm nicht gelang. Statt dessen verlor er an Mitgliedern, und – wie man hört – nicht nur dort.

Vor einer Woche nun startete der angestoßene Platzhirsch einen veritablen Anwerbeversuch: „Per E-Mail wurden über 11.000 Journalisten in Redaktionen angeschrieben, die noch keine DJV-Mitglieder sind“, heißt es dazu unschuldig in einer Pressemitteilung – Titel „DJV informiert über Leistungen“. Eine solche Art der Informationsgabe wird anderenorts freilich als Abwerbeversuch interpretiert.

Disclaimer: Der letzte Link führt auf eine Website des Oberauer-Verlages, der dem DJV nicht gerade wohlgesonnen ist. Das liegt daran, dass der Salzburger Verleger es gewagt hat, mit dem „MediumMagazin“ ein Konkurrentprodukt zum DJV-Organ „Journalist“ zu publizieren und sich vom DJV bzw. dem Verlag Rommerskirchen, der den Journalist herausgibt, ungerecht behandelt fühlt.

Man sieht: Hier geht es darum, Reviere zu markieren und gegen Eindringlinge zu verteidigen. Man kann inzwischen sogar von einem Markt sprechen, einem Markt der Dienstleistungen für Journalisten, auf dem auch ein gewisser Deutscher Fachjournalisten-Verband mitmischen möchte. Von diesem Verband, der laut Briefkopf eine Aktiengesellschaft (!) ist, mag zwar noch nicht jeder etwas gehört haben, das soll sich aber ändern: Denn auch vom DFJV bekommen Journalisten jetzt Post – keine schnöden E-Mails, sondern echte Papierbriefe:

„In der Vergangenheit haben sich bereits knapp 7.000 Journalisten – und täglich werden es mehr – von der Leistungsfähigkeit des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes (DFJV) überzeugt und nutzen die zahlreichen Leistungen zum deutlich niedrigeren Beitrag […]“

Es folgt eine Liste der Vorteile, in der unter anderem der „Presseausweis, natürlich anerkannt, u.a. von Messegesellschaften und Behörden“ aufgeführt ist. Womit wir eine weitere Kampfzone betreten: Wer darf einen Presseausweis ausgeben? Alle, die jetzt „Herr Lehrer, ich weiß was“ schreien und routiniert in der Buchstabensuppe DJV, DJU, BDZV und VdZ rühren (das sind die beiden etablierten Journalisten-Verbände sowie ihre Pendants bei den Zeitungs- bzw. Zeitschriften-Verlegern), sollten sich ganz schnell wieder hinsetzen. Die Antwort ist nämlich falsch, auch wenn DJV-DJU-BDZV-VdZ jahrelang den Eindruck erwecken konnten, nur sie alleine dürften das.

Nein, j-e-d-e-r kann einen Presseausweis herausgeben, j-e-d-e-r darf ein Stück Papier nehmen, darf darauf Presseausweis schreiben und es meinetwegen bei Ebay verscherbeln (alles schon passiert). Er darf nur nicht behaupten, dass sein Presseausweis behördlich anerkannt würde. Nach derzeitigem Stand – die Frage, wessen Presseausweise künftig anerkannt werden, harrt immer noch der Übereinkunft bei der zuständigen Innenministerkonferenz der Länder – darf das allerdings auch der DFJV nicht, und das macht den seriös daherkommenden Brief dann doch etwas fragwürdig.

Ich werde jedenfalls weiter meinen Mitgliedsbeitrag bei einem der alten Kaninchenzüchter-, pardon: Journalistenverbände zahlen, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir an gewerkschaftlichem Engagement fehlt. Andererseits bleibe ich Euch (wir duzen uns schließlich, ihr lieben Kolleginnen und Kollegen) als zählendes und zahlendes Mitglied erhalten, und das ist ja auch nicht das schlechteste, oder?

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