Schlecht zu googeln: /E/ wie Android mit Privatsphäre

Bie Beta von /E/ bringt bereits ein eigenständiges Design mit. Hier die Bootanimation

Für viele Menschen aus dem Umfeld freier Software ist Gaël Duval ein alter Bekannter. Der französische Informatiker gründete vor 20 Jahren die vor allem in der frankophonen Welt bekannt gewordene Linux-Distribution Mandrake. Inzwischen hat Duval eine neue Mission: ein freies Smartphone-Betriebsystem mit eingebauter Privatsphäre nicht nur für Nerds, sondern für alle, die genug von der Datenkrage Google haben.

I want to reconquer my privacy. My data is MY data. And I want to use Open Source software as much as possible. At the same time, what exists at the moment doesn’t exactly fit my needs: of course I don’t want to use stock Android. It’s Google everywhere and its default user interface is bad (my taste). Also, I’d like to find good online tools such as office, email services etc. that don’t belong to Google. And I’d like to have the same confort that I have with iOS and MacOS with synchronized services.Gaël Duval, Leaving Apple and Google

Dass sich für diese Idee durchaus Menschen interessieren lassen, bewies eine Crowdfunding-Kampagne bei Kickstarter, die Ende 2017 fast 100.000 Euro Start-Finanzierung einspielte. Zuerst hieß das Projekt “Eelo”, später dann wegen namensrechtlicher Probleme nur noch /E/. Vermutlich muss noch mal ein neuer Name her, denn “/E/” ist schlecht zu googeln, und das ist selbst für ein Google-freies Betriebssystem nicht wünschenswert.

Abgesehen vom Marketing machen Duval und seine Mitstreiter einiges richtig. Mit der in Gründung befindlichen /E/ Foundation, einer Stiftung also, wurde die institutionelle Basis für ein freies, dem Gemeinwohl verpflichtetes Digital-Ökosystem gelegt. Im September 2018 erschien dann die erste Betaversion von /E/ mit Versionen für rund 20 Smartphone-Modelle – und es werden mehr, was nicht überraschend ist, denn als Software-Basis dient LineageOS, früher CyanogenMod, das wohl bekannteste Custom-ROM für Android-Smartphones.

Läuft die Beta schon stabil? Im Prinzip ja

Und damit zu jenem Thema, das typischerweise jeden early adopter interessiert: Läuft die Beta schon stabil? Die Kurzfassung lautet: Im Prinzip ja, aber man sollte keine Wunder erwarten.

Zunächst: Da /E/ auf LineageOS basiert, ist es auch vor dessen Nickligkeiten nicht gefeit. Welche das sind, hängt vom jeweiligen Gerät ab. Auf meinem offiziell von /E/ unterstützten Leeco Le2 stürzte zum Beispiel die Kamera ab – laut Nutzerberichten in den XDA-Foren ein bekanntes Problem des trotzdem als “stabil” geltenden LineageOS, das in der von mir getesteten /E/-Version 0.1 noch auf Android 7.1 Nougat basiert. Version 0.2 kommt mit Oreo (Android 8.1).

Schön: Der Sicherheits-Patch ist – anders als bei so mancher Orginal-Hersteller-Software – brandaktuell. OTA (“over the air”) -Updates funktionieren. Weil jede Nacht automatisiert eine frische Version (“Nightly”) des Betriebsystems gebaut wird, bekommt man allerdings häufiger Updates angeboten, als man das möchte.

Auf Google verzichten, bedeutet Umgewöhnung, teils auch Einschränkung

Wer auf Privatsphäre Wert legt, muss auf sämtliche Google-Apps und -Bibliotheken verzichten und diese durch (idealerweise quelloffene) Alternativen ersetzen. Das geht, erfordert von einem an Google gewöhnten Nutzer allerdings zumindest Umgewöhnung, teilweise auch Einschränkungen. Am Ende wird man nicht ganz ohne Apps kommerzieller Anbieter (Beispiel: Banking, Carsharing) herumkommen. Sie funktionieren in der Regel aber nicht ohne Google-Bibliotheken, weil sie beispielsweise Googles Schnittstelle für Ortungsdienste verwenden.

Um für solche Apps trotzdem eine gewisse Kompatibilität herzustellen, verwendet /E/ die Open-Source-Software MicroG, die hier im Blog bereits in dem Artikel Android ohne Google vorgestellt wurde. Dort konnte man auch lesen, wie viele Klimmzüge es erfordert, um Googles proprietäre Dienste durch MicroG zu ersetzen.

Der große Vorteil von /E/ ist nun, dass sich niemand mehr mit solchen Nerd-Themen wie deodexen oder Signature Spoofing auseinandersetzen muss. Bei /E/ ist MicroG nämlich “ab Werk” eingebaut und übrigens sehr schön und bruchlos in die System-Einstellungen integriert. So einfach kann das sein.

MicroG ab Werk, aber flashen muss man selbst

Eine einzige Installations-Hürde kann /E/ einem wechselwilligen Anwender freilich nicht aus dem Weg räumen: Damit ein alternatives ROM überhaupt installiert werden kann, muss zunächste eine Custom-Recovery auf das Smartphone geflasht werden; das geht wiederum nur, wenn der Bootloader offen ist bzw. der Hersteller eine Möglichkeit bietet, ihn zu öffnen. Wie das genau geht, steht im /E/-Wiki auf der jeweiligen Geräteseite, die man über die Liste aller unterstützter Smartphone-Modelle erreicht. Meist geht es so: Bootloader öffnen, TWRP-Recovery flashen, in die die TWRP-Recovery booten und von dort aus das Ziparchiv mit der /E/-Firmware installieren.

Als Standard-Suchmaschine ist natürlich nicht Google, sondern die Meta-Suchmaschine Searx vorkonfiguriert

Um Google komplett zu ersetzen, müssen auch Dienste wie Gmail, Google Suche und Adress- oder Kalender-Synchronisation ersetzt werden. Bei /E/ bekommen deshalb Unterstützer eine eigene Adresse name@e.email sowie Speicherplatz in der /E/-Cloud. Zudem gibt es Test-Konten für Beta-Tester, um die man sich einfach per Mail bewerben kann.

Synchronisations-Einstellungen für das /E/-Konto

Bei meinem Test wurde binnen eines Tages ein Test-Konto mit 50 MB Speicherplatz freigeschaltet. Allerdings fehlte dann auf dem Smartphone in der Beta eine intuitive Möglichkeit, Dateien auf dem /E/ Drive zu speichern. Die Cloud-Dienste laufen übrigens auf der recht bekannten Open-Source-Software Nextcloud, für die ein Android-Client existiert. Netzcloud kann auch Kontakte und Adressen synchonisieren, was wiederum mit /E/-Beta bestens funktionierte.

A propos synchronisieren. Um die Protokolle CalDAV und CardDAV nachzurüsten, auf die Google in Android keinen Wert legt, greift /E/ auf ein weiteres feines Open-Source-Sahnestückchen zurück, auf DavDroid nämlich.

Der Bliss-Launcher mit den Standard-Apps

Spätestens jetzt sollten es alle gemerkt haben: /E/ besteht fast ausschließlich aus bewährter, gemeinfreier Fremd-Software. Ein Blick in das Gitlab-Repository des Betriebssystems zeigt, das die meisten Anwendungen geforkt worden sind. Die erste echte Eigenentwirklung ist der Launcher namens Bliss.

Einen Sonderfall stellt die Karten-App dar: Magic Earth sammelt zwar keine Nutzer-Daten, ist aber – zumindest bisher noch – eine unfreie Software.

Kurios: Unter den rund 20 vorinstallierten Apps sind gleich zwei vom Typ Messenger, nämlich Signal und Telegram, wobei die aus reinen Datenschutz-Erwägungen zu bevorzugende, nämlich Signal, als SMS-App voreingestellt ist. Da aber Signal auf meinem Leeco Le2 gar keine SMSen empfängt (was ein generelles Dual-SIM-Problem zu sein scheint), musste ich die bewährte App QKSMS nachinstallieren. Aber wie installiert man in der /E/-Beta eigentlich eine App?

Wie installiert man eine App? Das ist keine Scherzfrage

Das ist keine Scherzfrage. Weil Googles Play Store natürlich fehlt, weil jedoch vom angekündigten hauseigenen App-Store noch nichts zu sehen ist, muss sich der Beta-Tester erst mal selbst kümmern: Wer F-Droid per Download nachinstalliert (und fremde Softwarequellen in den Sicherheits-Einstellungen erlaubt), bekommt den besten App-Store für Tracker-freie Open-Source-Anwendungen und findet dort mit Yalp auch noch eine App für den anonymen Zugriff auf Googles Play Store, falls benötigt. Bei der Gelegenheit empfiehlt es sich, via F-Droid auch noch Déjà Vu als zweiten Standort-Dienst neben Mozilla installieren, um die Ortungsgeschwindigkeit zu verbessern.

Wie gesagt: Wunder kann man von /E/ (noch) nicht erwarten, der Rückgriff auf LineageOS, MicroG und viele weitere Open-Source-Anwendungen zeugt vielmehr von Realitätssinn: Warum das Rad neu erfinden, wenn die Reifen und Felgen schon vorhanden sind? Der Weg bis zur ersten Vollversion erscheint dennoch weit, jedenfalls viel weiter, als knapp 100.000 Euro von Kickstarter reichen. Deshalb braucht /E/ weiterhin Spenden, plant aber auch kommerzielle Angebote und versucht, Verträge mit Smartphone-Herstellern zu schließen.

Die Vision: dritte Kraft neben Apple und Google

Custom-ROMs für Frickler gibt es ohnehin schon genug. Die Herausforderung besteht darin, für wechselwillige Anwender, die zu Recht genug von Daten-Leaks und Werbe-Trackern haben, ein benutzerfreundliches Betriebssystem samt Cloud bereitzustellen, das sich – so Gaël Duvals Vision – als dritte Kraft neben Apple und Google etabliert. Das klingt angesichts des eingeführten Duopols der beiden Marktführer nach einer Herkulesaufgabe. Ein Erfolg wäre /E/ aber schon allein deshalb zu wünschen, weil die Stiftung dann auch etwas an eben jene Open-Source-Projekte zurückgeben könnte, von denen sie jetzt schon profitiert. Vor allem MicroG braucht dringend mehr Entwickler-Power, um als vollwertiger Gapps-Ersatz einspringen zu können.

2 comments on “Schlecht zu googeln: /E/ wie Android mit Privatsphäre”

  1. Ich bin heute über diese ROM gestolpert und frage mich was nun der Unterschied zwischen /e/ und LineageOS for MicroG ist. Wahrscheinlich nur,dass /e/ seinen eigenen sync Dienst hat, oder?

  2. Ja, viel mehr gibt es immer noch nicht (wobei: “nur” eigener sync-Dienst ist auch wieder eine Untertreibung – die allermeisten Smartphone-Nutzer können wohl kaum eine eigene Nextcloud aufsetzen). Schaut man deren Github-Seite an, scheint in den letzten 12 Monaten auch nicht viel passiert zu sein. Neu ist, dass auf der Website der Foundation inzwischen ein paar Refurbished-Smartphones mit vorinstalliertem E-System verkauft werden. Hersteller als Partner haben sie wohl nicht gewonnen.

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