Bild, Porno, „Mein Kampf“ und die Papier-Nostalgiker

Christian Stöcker, Leiter der Netzwelt bei Spiegel Online, hat bei Vocer („Voice of the Critical Media“) einen kulturkritischen Artikel über den Wandel von Print- zu digitalen Medien publiziert. Darin versucht er zu zeigen, wie eine Generation von Papier-Nostalgikern die Online-Zukunft negiert. Es ist ein anderer Text als die typischen „Warum begreift keiner außer mir dieses Internet-Dingens?“-Rants über ewig gestrige Kollegen und Verlagsmenschen, die der It-Blogger Thomas Knüwer (It wie It-Girl, nicht Informationstechnologie) publiziert, und doch läuft es auf dasselbe hinaus. Stöcker schreibt:

„Es ist verblüffend, wie intensiv der Datenträger Papier mit bestimmten, geradezu mythischen Eigenschaften aufgeladen wird – obwohl doch auch die „Bild“-Zeitung, Hardcore-Pornografie und sogar „Mein Kampf“ auf Papier gedruckt werden. Die einzige Erklärung ist, dass hier wieder einmal jemand der so unbedingten wie anlasslosen Überzeugung ist, dass Papier als Datenträger Bildschirmen überlegen sei. Dass Nachrichten irgendwie besser, wahrer, wertvoller werden, wenn man sie auf Papier druckt, das danach quer durchs Land gekarrt werden muss, damit die Papierstapel frühmorgens überall auf den Türschwellen der Abonnenten abgelegt werden können.“

Wie heißt es so schön: Papier ist geduldig. Dass selbst Bild, Porno und „Mein Kampf“ – rasante Kombination! – auf Papier publiziert werden dürfen/durften, sollte doch gerade ein über Meinungsfreiheit im Netz publizierender Onliner eher begrüßen, statt dagegen zu stänkern. Oder sind wir im Zweifel doch für Zensur?

Und ja, Papier ist dem Bildschirm immer noch überlegen, wenn auch nicht, wie Stöcker suggeriert, als Datenträger (Bildschirme sind keine Datenträger, sie haben keine permanenten Speicher). Vom Papier lässt sich besser lesen, weil Hintergrund-beleuchtete Displays in Tablets oder Smartphones – zumal wenn zu hell eingestellt – das Auge schneller ermüden, weil sie viel Energie fressen, sich nicht falten lassen und keine Kaffeeflecken vertragen. Nur die kleinen, aber noch trägen E-Ink-Displays von Ebook-Readern kommen der Lesefreundlichkeit von Papier schon nahe.

Dass schließlich gedruckter Journalismus immer noch als „besser, wahrer, wertvoller“ gilt als Online-Journalismus, liegt daran, dass die Verlage ihre meist kostenlosen Web-Portale schlechter behandeln als die kostenpflichtige Druckausgabe. Online-Journalisten werden schlechter bezahlt als ihre (alteingesessenen) Print-Kollegen. Auch beim Spiegel ist das gedruckte Magazin die Nummer eins.

Der Abgesang aufs Papier wird online allerorten angestimmt. Aber er kommt ein paar Jährchen zu früh. Da hilft es auch nichts, die Papier-Leser zu schrulligen Nostalgikern zu erklären. Die Ungeduld scheitert schon am Geschäftsmodell. Stöckers Artikel, aus dem das Zitat stammt, ist übrigens ein Auszug aus seinem Buch, dass noch auf Papier gedruckt erhältlich ist. Trotz allem.

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