FAZ über Google: Ein Stück aus dem Zeitungsmuseum

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Trotzdem ein paar mit Zitaten garnierte Anmerkungen zu einem abenteuerlichen Artikel der FAZ mit Datum 9. September über den Start des Google-Zeitungsarchivs, wobei der Name des Verfassers an dieser Stelle lieber verschwiegen werden soll.

Es war nur eine Frage der Zeit, und es ist nur der nächste Schritt. Der nächste Schritt, mit dem sich der Suchmaschinenkonzern Google zum Monopolisten des Weltwissens und der Bewusstseinsindustrie aufschwingt … Die Urheber all der Zeitungsartikel, von denen das Nachrichtenportal „Google News“ lebt, werden künftig nicht nur aktuell enteignet, alles, was sie und ihre beruflichen Vorväter jemals zu Papier gebracht haben, verschwindet unter dem Dach des „Google News Archive“. Google errichtet ein virtuelles Zeitungsmuseum, zu dem die Zeitungsleute selbst nur als Besucher Zutritt haben.“

Zur Begriffsklärung: Enteignung bezeichnet die Entziehung von Privateigentum durch den Staat. Bei der FAZ, die den Kommunismus stets aufrecht bekämpft hat, müsste man das wissen. Google ist aber kein Staats-Unternehmen, sondern ein ur-kapitalistisches Startup aus den USA, das sich am Markt durchgesetzt hat. Und das neue Zeitungsarchiv ist auch kein schwarzes Loch, in dem Artikel verschwinden. Im Gegenteil, sie sollen gefunden werden, nicht nur von Zeitungsleuten – das ist Googles Geschäft.

„Das Prinzip ist simpel: Der Suchmaschinenkonzern scannt sämtliche jemals erschienenen Seiten aller Zeitungen der Welt, stellt sie online und macht sie nach Suchbegriffen verfügbar. … Wer immer, wann immer nachlesen will, welche Zeitung was auch immer geschrieben hat, über Google soll er es bekommen. Dafür wird er mit Werbung beschossen, an deren Umsatz Google die Zeitungsverlage, die im Bauch des Wals verschwinden, mit einem gewissen Prozentsatz beteiligt. Wie hoch dieser ist, das behält der Konzern für sich.“

Wenn das Prinzip so simpel ist, warum kriegt es dann die FAZ nicht selbst hin, sondern greift bei seinem nur bis 1993 zurückreichenden Archiv auf einen externen Dienstleister zurück? So werden E-Paper und Archiv zwangsläufig aus separaten Datenquellen gespeist, kostenfrei online veröffentlichte Print-Artikel haben wieder eine andere Linkadresse, und alle drei sind nicht über eine zentrale Suchmaske erreichbar. Für den Nutzer ist das leider alles andere als simpel. Zum Thema Werbebeschuss: Bislang schaltet Google unter <a href=“http://news.google.de“>news.google.de</a> gar keine Werbung, und im Zeitungsarchiv-Viewer selbst nehmen die Werbeeinblendungen unten rechts etwa 5 Prozent der Bildschirmgesamtfläche auf einem typischen 1280×1024-Pixel-Monitor ein. Statt darüber die Nase zu rümpfen, hätte die FAZ lieber recherchieren sollen, wie hoch die von Google angebotene Beteiligung an den Werbeeinnahmen ist.

„Doch helfen, gibt der zuständige Google-Produktmanager Punit Sonie vor, wolle man allein den Lesern – Artikel von Lokalzeitungen zu finden genauso wie jene aus großen überregionalen Blättern. Und natürlich will man den kleinen Verlagen beistehen, die es sich selbst nicht leisten könnten, ihre Archive zu digitalisieren. Die Kosten dafür trägt der Konzern; bei einem Jahresgewinn von 4,2 Milliarden Dollar (2007) kann Google sich das aus der Portokasse leisten; man hat angeblich schon Verträge mit mehr als hundert Verlagen.“

That’s business, Leute. Viel Geld machen und die Gewinne auch noch schön reden. Darüber regt sich doch eigentlich nur die Links-Partei auf. Aber ein FAZ-Redakteur?

„Ein paar Claquere, die sich abnehmen lassen, woraus sie selbst etwas machen sollten, stehen parat. Pierre Little, der Verleger des „Quebec Chronicle-Telegraph“, ausgewiesen als „Nordamerikas älteste Zeitung“, hofft, dass Tausende Familien über Googles Zeitungsarchiv ihre eigene, persönliche Geschichte ergründen, etwa über Familien- und Todesanzeigen. Little kratzt die Brosamen auf, die ihm Google aus den Werbeeinnahmen hinwirft. „Wir hoffen, dies wird für uns finanziell ein warmer Regen sein.““

Man mag wünschen, dass der Verleger so nicht die Todesanzeige für sein eigenes Blatt schaltet; die Brötchen, die der Verlag backt, dessen Blatt seit 244 Jahren erscheint, sind winzig. Allein diese Zahl – 244 Jahre –, auf die Google rekurriert, um vorzugeben, man stoße zu den Urgründen der Zeitungsgeschichte vor, zeigt, wie beschränkt und amerikazentriert die Perspektive ist, von der aus wir die Welt begreifen und Geschichte lernen sollen. Die älteste Zeitung erschien nämlich vor mehr als vierhundert Jahren und zwar nicht in der nordamerikanischen Provinz, sondern in Straßburg.“

Herrje, ein ganzes Bündel an Vorurteilen. Eine armselige Zeitung (die soll es ja jenseits der Hellerhofstraße auch geben), dann dieser ewige Amerika-Zentrismus und, seufz, das gute alte Europa, das natürlich die viel ältere Zeitungskultur hat.

„Für all diejenigen, die ihr versammeltes Wissen – aktuell, im Archiv, auf Papier und online – selbst bewahren, weitergeben und darauf ihre wirtschaftliche Existenz aufbauen wollen, ist das der nächste Schlag der Raubkopierer, die mit der Digitalisierung der Bibliotheken dieser Welt schon weit fortgeschritten sind.

Noch gibt es Widerstand gegen den globalen Fischzug, er versammelt sich im Kleinen, in Belgien. Dort klagen drei Zeitungen, weil Google News sich bei ihnen bedient. Um fünfzig Millionen Euro geht es bei dem aus Googles Sicht lokalen Streit um das Recht am eigenen Wort. Der Prozess soll dieser Tage beginnen.“

Ja, die wackeren Belgier! Wagen es, Google Widerstand zu leisten. Die FAZ wagt das offenbar nicht. Oder sind die Google News am Ende ein hübscher Besucherlieferant? Wahrscheinlich, ach was: ganz sicher, wird auch die FAZ ihr Zeitungsarchiv irgendwann noch einmal über Google vermarkten. Die New York Times tut es schon seit zwei Jahren. Und dann wird man auch diesen seltsamen Artikel finden können, ganz einfach so, als kurios-verquastes Stück aus dem Zeitungsmuseum.

Vielmehr möge man mir das Bemühen um eine sachliche Darstellung anrechnen.

Artikel

Aus Gründen des Personenschutzes

2 Gedanken zu „FAZ über Google: Ein Stück aus dem Zeitungsmuseum

  1. Hahn im Feld

    A propos FAZ und Google News. Zwei unaufgeregte Blog-Postings des FAZ-„Netzökonomen“ Holger Schmidt zum Thema:

    Verlage lassen Archive von Google digitalisieren
    http://faz-community.faz.net/blogs/netzkonom/archive/2008/09/22/verlage-kooperieren-mit-google.aspx

    und:

    Wie Verlage ihre Artikel und Webseiten für Google optimieren
    http://faz-community.faz.net/blogs/netzkonom/archive/2008/09/20/seo.aspx

    O-Ton: „Als Google seinen Nachrichtendienst Google News in Deutschland startete, suchten die Verlage noch nach Wegen, dort nicht aufzutauchen. Heute tun sie alles dafür, möglichst prominent bei Google angezeigt zu werden: Suchmaschinenoptimierung (SEO) lautet das große Schlagwort in den Verlagen und sie verfolgt das Ziel, die eigenen Seiten weit oben in den Trefferlisten zu plazieren.“

    Wer hätte das gedacht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.