Vom Huawei Ascend P6 und anderen China-Phones

Das ist kein iPhone, sondern ein Goophone. Da freuen sich Apple und Google bestimmt.

Ja, es ist schön, sein Smartphone zu betouchen und zu streicheln. Manche Leute bekommen davon sogar erotische Anwandlungen. Umso schöner ist es, wenn das Smartphone auch noch gut verarbeitet ist und das Display auf jeden Stuppser sensibel und ohne Ruckler reagiert. An dieser Stelle meldet sich aber das Über-Ich: Muss der Mensch wirklich vier-, fünf-, sechshundert Euro für ein Smartphone ausgeben? Darf’s nicht auch ein bisschen weniger sein? Vielleicht kommt eine Antwort auf diese Frage ja aus China, jenem Riesenland, in dem aktuell 41 Prozent aller Android-Smartphones verkauft werden.

Beim Thema China-Phones denkt man erst mal an (schlechte und billige) Kopien. Die Iphone-, HTC und Weißichwas-Klone sind schon Legion. Vor fünf Jahren habe ich mir mal auf einem Markt in Peking zum Spaß – und nach erbittertem Feilschen – ein Nokla N95 gekauft. Genau: Nokla mit „l“, sonst wär’s ja Nokia mit „i“ und ein Plagiat. Das Ding war aus Plastik, sah aus der Ferne wirklich wie das Original aus und hatte Steckplätze für zwei SIM-Karten. Dual-SIM, so etwas mögen deutschen Mobilfunk-Provider gar nicht, weshalb die etablierten Hersteller bis heute nur mäßig ausgestattete oder gar keine Dual-SIM-Handys in Deutschland anbieten. Zurück zum Nokla: Nach einem dreiviertel Jahr funktionierte der Standby-Kontakt im Klappmechanismus nicht mehr. Qualität? No, klar: dafür war es auch ein Billig-Handy.

Inzwischen sind die Chinesen weiter. Da rollen ganze Wogen von Android-Smartphones heran – und sie werden immer besser. Die chinesischen Hersteller tragen für hiesige Marken-Gläubige noch fremde (und manchmal auch recht komisch klingende) Namen wie Pomp, Inew oder Caesar. Einige wenige chinesische Marken dürfen hierzulande schon als etabliert gelten. Dazu gehört Alcatel (französische Marke, aber vom chinesischen Konzern TCL übernommen) ebenso wie ZTE (stellt u.a. E-Plus-Smartphones unter dem Namen Base Lutea her) und natürlich der chinesische Netzwerk-Multi Huawei, der hierzulande eine kluge Mischung von Preiswert-Geräten und Edel-Modellen anbietet.

AscendP6

Dünn, dünner, am dünnsten: Das Huawei Ascend P6

So ganz hat es Huawei allerdings noch nicht in die Herzen und Geldbörsen markenbewusster deutscher Handykunden geschafft. Das derzeitige Spitzenmodell Ascend P6, angetreten im Über-Vierhundert-Euro-Segment, leidet unverdientermaßen unter Preisverfall – es ist hierzulande bei seriösen Shops mit Preisen unter 300 Euro billiger als in China (!). Das macht den Quadcore-Schönling mit zwei GB RAM und knackig-hellem 720p-HD-Display auch für Kunden mit ausgeprägtem Über-Ich attraktiver.

Touchscreen-Erotiker nehmen das P6 gerne zur Hand: Es ist ein leichtes, hochwertig verarbeitetes Smartphone, weit entfernt vom chinesischen Billig-Image. Überhaupt erinnert es an ein iPhone, nur dünner, mit größerem Display (4,7 Zoll/11,9 cm) und einer abgerundeten Unterkante. A propos iPhone: Die amerikanische Kultmarke verkauft ja – wenngleich „designed by Apple in California“ – auch China-Phones (und ist für die Arbeitsbedingungen bei ihren chinesischen Auftragsfertigern oft kritisiert worden).

Energie im Griff: Bei Wenignutzung hält das Ascend P6 fast eine Woche durch

Bei Wenignutzung (zweieinhalb Stunden Bildschirm-Betrieb mit automatischer Helligkeit, Surfen, Apps E-Mail über WLAN, eine Stunde Musik-Hören, ansonsten Telefon-Standby über GMS, WLAN und mobile Daten aus) hält das Ascend P6 fast eine Woche durch.

Wie bei Apple muss man beim Ascend P6 für den „Aus einem Guss“-Eindruck einen fest eingebauten Akku in Kauf nehmen. Wobei die Huawei-Batterie mit 1950 mAh nach heutigem Geschmack nur durchschnittliche Kapazität bietet, was sicher auch ein Tribut der Konstrukteure an die flache Bauweise ist. Trotzdem ist die Ausdauer des Quadcore-Schönlings überraschend gut. Huawei hat – nach einem Firmware-Update – das Energie-Management bestens in den Griff bekommen. Bei Wenig-Nutzung sind Laufzeiten um eine Woche drin. Über Nacht verliert der Akku einen Prozentpunkt Kapazität. So muss es sein.

Huawei, ZTE oder Alcatel haben zwei Vorteile: Sie sind im deutschen (Online-) Einzelhandel verfügbar, mit gesetzlicher Gewährleistung und Garantieabwicklung im Lande. Die anderen chinesischen Hersteller mit den fremden, lustigen Namen bieten beides (noch) nicht. Selbst der weltweit bekannte PC-Marktführer Lenovo ist mit seinen Smartphones noch nicht herüber gekommen. Wer sich traut, China-Phones bei einem Händler aus dem fernen Reich der Mitte zu ordern, zahlt zwar Niedrigpreise, muss aber – wenn kein teurer Express-Kurierdienst auf den Preis geschlagen wird – wochenlangen Versand in Kauf nehmen und am Ende in Deutschland auch noch Einfuhrumsatzsteuer (19 Prozent von der Rechnungssumme mit Versandkosten, Zoll erst ab 150 EUR Warenwert) entrichten. Wenn dann mit der Ware etwas nicht in Ordnung sein sollte, muss man sie in der Regel auf eigene Kosten nach China zurückschicken. Lohnt also das Risiko?

In einschlägigen Foren und Online-Diensten wie Chinamobiles.org, AndroidhilfeChinamobilemag oder Gizchina findet man schon einen beträchtlichen Erfahrungsschatz, welche Geräte sich lohnen und welche Händler als seriös gelten dürfen. Schaut man sich dann die smarten China-Böller näher an, fällt schnell auf, dass fast alle das gleiche Innenleben haben. Zum Einsatz kommen Mediatek-Chips, die den Vorteil besitzen, dass sie recht billig zu bekommen sind, aber dennoch ordentlich Power unter der Haube haben. Zudem erlauben sie den Dual-SIM-Betrieb. Aktuell sind Mediatek-Quadcores mit 1,2 (MTK6589) bzw. in der sogenannten „Turbo“-Variante 1,5 Ghz (MTK6589T) en vogue; die nächste Generation der Acht-Kerner ist schon angekündigt. Nur wenige Hersteller, etwa Oppo oder Xiaomi, verbauen teurere Chips von Qualcomm oder Nvidia, bieten ihre Geräte aber auch in höherpreisigen Segmenten an.

Probleme gibt es bei den aktuellen Mediatek-Geräten mit der GPS-Genauigkeit. Android ist in Version 4.2 recht aktuell, allerdings werden die Software-Quelltexte in der Regel nicht veröffentlicht, was den Lizenzbedingungen widerspricht und dazu führt, dass freie Entwickler die Software nicht verbessern oder das Smartphone auf das unabhängige CyanogenMod portieren können. Das wäre aber aus Kundensicht wünschenswert, zumal die Update-Moral der meisten Hersteller mit den fremden, lustigen Namen nicht sehr ausgeprägt ist.

Andererseits: solche Android-Smartphones mit Mediatek-Vierkerner sowie typischerweise 5-Zoll-Display, 1 GB RAM, 4 GB internem Speicher (bei chinesischen Händlern fälschlich als ROM tituliert) und Dual-SIM gibt es schon ab umgerechnet etwa 100 Euro, da mag man den einen oder anderen Haken in Kauf nehmen. Gegen Aufpreis gibt es HD-Displays und mehr Speicher (bis 2 GB RAM und 32 GB Speicher). Wer das Wagnis eingehen will, der bekommt zum Abschluss ein paar subjektive Tipps:

  • Ein schönes 5-Zoll-Full-HD-Display von Sharp verbauen die Hersteller Zopo und FAEA in ihren ähnlichen Mediatek-Quadcore-Boliden C2 bzw. F2. Für Zopo gibt es einen offiziellen Distributeur in Deutschland sowie einen Händler mit Lager in der EU – in beiden Fällen fällt also kein Zoll an und Garantiefälle werden direkt abgewickelt. FAEA hat eine europäische Distribution in Italien. Dort beginnen die Preise für das F2 bei 190 Euro. Aus China ist es natürlich billiger, aber im Problemfall eben auch schwieriger.
  • Wer’s vom Display her kleiner mag: Von Jiayu kommen das oft gelobte 4,5-Zoll-Smartphone G3, ein Vorjahresmodell in der für dieses Jahr auf Quadcore aktualisierten Version G3S/T, und das neuere, trotz größerem 4,7-Zoll-Display sogar etwas kleinrahmigere G4, beide mit Mediatek-Innenleben und 720p-HD-Displays. Alleinstellungsmerkmale: Fette Akkus und Gorilla-Glas. Auch hier kann man mit offiziellen Distributoren in Deutschland, Spanien und anderen EU-Ländern zu Preisen ab etwa 200 Euro (Angebote und Bestand variieren) auf Nummer sicher gehen.
  • Am billigsten ist es – trotz Zoll und Versandkosten – immer noch in China. Es gibt bereits Händler, die – mit deutschsprachigem Kundendienst – gezielt hiesige Käufer ansprechen und als seriös gelten, etwa der CECT-Shop. Händler wie Comebuy oder eFox liefern einzelne, besonders gekennzeichnete Waren („Versand aus DE“) direkt aus Deutschland, also bereits verzollt, aber bei Garantiefällen muss man defekte Geräte doch wieder nach China einsenden und die Lieferfristen („48 Stunden“) sollte man erfahrungsgemäß auch nicht so genau nehmen.
  • Die Online-Version eines chinesischen Basars ist die Handelsplattform Aliexpress, auf der sich unzählige Händler mit ihren Angeboten tummeln. Trotzdem wirkt Aliexpress sehr professionell und verspricht Kunden Sicherheit durch eine standardisierte Kaufabwicklung. So wird die vorab per Kreditkarte zu entrichtende Kaufsumme erst an den Händler ausgezahlt, wenn das Paket tatsächlich geliefert ist; bei Ärger mit dem Händler kann man ähnlich wie bei Paypal Dispute eröffnen. Trotzdem sollte man sich die Angebote – insbesondere Ausstattung und Lieferumfang – genau durchlesen; bei Widersprüchen nachhaken oder lieber gleich Abstand nehmen. Vor allem sollte man sich nicht von blumigen Versprechen verführen lassen. Wer einmal das hypergeschäftige Chaos eines chinesischen Basars erlebt hat, der weiß, wovon ich rede.

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