Gib Gummi, Thinkpad Tablet

Vor ein paar Jahren habe ich in diesem Blog mal unter dem Titel Gib Gummi, Flexview eine kleine Würdigung an ein Notebook und seinen Bildschirm geschrieben, nämlich das – längst eingestellte – Flexview-Display im Lenovo Thinkpad T60. Es ist eines der am meisten gelesenen Postings auf diesem Blog. Offenbar hat der Name „Thinkpad“ nach wie vor eine magische Wirkung auf Technik-affine Notebook-Nutzer (oder liegt’s am Gummi?). Umso interessanter, dass Lenovo im letzten Jahr erstmals unter dem Label Thinkpad ein Andoid-Tablet (nicht zu verwechseln mit den unter Windows laufenden Convertible-Tablet-PCs aus gleichem Hause) herausgebracht hat. Wie schon bei den Thinkpad-Notebooks hat Lenovo versucht, qualitätsbewusste und professionelle Nutzer anzusprechen. Um es vorweg zu nehmen: Das Thinkpad Tablet ist nicht schlecht, mit wahlweiser Multitouch- oder Stift-Bedienung sogar fast einzigartig – doch so richtig Gummi gibt es leider nicht.

Dabei dürften sich zumindest Thinkpad-Fans schon beim Auspacken des Gerätes wie zu Hause fühlen. Wie die damaligen „Flexview“-Notebooks schmückt sich auch das Thinkpad Tablet mit einem hochwertigen IPS-Panel. Zwar muss das Tablet mangels Maus-Steuerung auf den ebenfalls Thinkpad-typischen Trackpoint verzichten; dafür haben die Lenovo Designer den roten Knubbel wie einen Radiergummi auf den Stylus (mehr dazu weiter unten) gesetzt. Auf der Rückseite findet sich die altbekannte gummierte Oberfläche – da nimmt man das Thinkpad Tablet umso lieber zur Hand. Als (teure) Option gibt es eine Hülle mit Tastatur („Keyboard Folio Case“), die wie ein altbekanntes Thinkpad-Keyboard aussieht.

Leider hat sich Lenovo den guten ersten Eindruck versaut – durch Kinderkrankheiten bei der Software und andere Nickligkeiten. Das Thinkpad Tablet ist zwar mit einem Nvidia-Tegra-Chipsatz ausgerüstet, wie er fast alle Oberklasse-Tablets des 2011er-Jahrgangs antrieb, doch in den benutzer-Foren häuften sich die Klagen über Software-Macken und eine hakelige Bedienung – eine Todsünde im Streichelzoo der Touch-Geräte. Zwar hat Lenovo inzwischen nachgebessert (und im Juli 2012 endlich ein Update auf Android 4.0.3 veröffentlicht), aber beim Aufwecken aus dem Standby und beim Entsperren legt das Tablet nach wie vor Gedenksekunden ein.

Schade drum, denn das Thinkpad Tablet hat auch etwas zu bieten. Während viele Tablets – nicht nur die Trutzburg iPad – Mangel an Schnittstellen haben, zeigt sich Lenovos Gerät mit USB, SD-Karten-Steckplatz und Mini-HDMI-Anschluss ausgesprochen anschlussfreudig. Zudem hat Lenovo einige (teils eher für Geschäftskunden) interessante Apps (Documents to go, Citrix Client, Nuance Flex-T9-Keyboard) bereits vorinstalliert.

Alleinstellungsmerkmal des Thinkpad Tablet ist das mit einem Digitizer ausgestattete Display, das zwischen Finger- und Stylus-Bedienung unterscheiden kann. Bei seinem Erscheinen war es – abgesehen vom 7-Zöller HTC Flyer – das einzige auch mit einem Stift bedienbare Tablet. Die schützende, aber eben auch dicke Gorilla-Glas-Schicht dürfte die Nutzbarkeit des Thinkpads als Grafik-Tablet zwar einschränken – beim Kritzeln elektronischer Notizen gewöhnt man sich aber schnell an den Abstand von Stift-Spitze und Darstellungsfläche.

Während das HTC Flyer die Katalogisierung von Stift-Kritzeleien an die bekannte App Evernote outsourct, hat Lenovo mit Notes Mobile eine nicht im Google App-Store erhältliche Notizbuch-App vorinstalliert, die als Besonderheit bereits eine Handschrift-Erkennung eingebaut hat. Das funktionierte ohne Training selbst mit meiner Klaue überrschend gut. Doch auch die Notes-App ist noch nicht ausgereift: Trotz Digitizer schafft sie es nicht zuverlässig, beim Schreiben mit dem Stift Berührungen des Displays mit dem Handballen zu ignorieren.

Noch ein Plus: Anders als beim HTC Flyer gibt es für den Stylus einen sicheren Hafen im Gehäuse. Der Stift-Port dürfte allerdings auch dazu beigetragen haben, dass das Thinkpad Tablet im Vergleich etwa zu einem Samsung Galaxy Tab 10.1 ziemlich bauchig daherkommt. Das Thinkpad ist definitiv kein Thinpad.

Den Bulimie-Wettbewerb der Tablet-Hersteller („Meins ist dünner als Deins“) mag man affig finden. Schwerer wiegt (im wahrsten Sinne des Wortes), dass das Thinkpad mit 750 gr alles andere als ein Leichtgewicht ist. Dabei hat der verbaute Akku mit 24,1 Wh sogar noch etwas weniger Kapazität als jener der von Apple als Plagiat angezeigten Samsung-Flunder (25,9 Wh) , die jedoch weniger als 600 gr wiegt.

Inzwischen steht fest, dass das Thinkpad Tablet noch ein Alleinstellungsmerkmal aufweist: Es bleibt nämlich (bis auf Weiteres) das einzige Thinkpad auf Android. In der zweiten Tablet-Auflage hat sich Lenovo nämlich Windows 8 zugewandt. Der Hersteller-eigene Android Appstore ist schon dichtgemacht worden. Nachtrauern braucht man ihm nicht (der Google Market, inzwischen „Google Play“ genannt, bietet ohnehin die bessere Auswahl), es sei denn, man hat bei Lenovo Apps zugekauft und muss nun damit rechnen, dass die Lizenzen im digitalen Nirwana landen. Wenn Lenovo-eigene Apps sporadisch mit dämlich Meldungen nerven („Leider wurde Content Delivery Service beendet“), dann kann man das immerhin abstellen. Ein System-Update auf Android Jelly Bean ist von Lenovo sowieso nicht mehr zu erwarten. Aber das ist ein Schicksal, dass auch andere Android-Tablets des 2011er-Jahrgangs betrifft.

Wer doch noch Appetit auf das einzige Android-Thinkpad verspürt, das je gebaut wurde – sei es, weil es eben ein „Thinkpad“ ist, sei es, weil die Stift-Bedienung abgesehen vom jüngst eingeführten Samsung-Tablet Galaxy Note 10.1 immer noch ein Alleinstellungsmerkmal ist – sollte den Lenovo-Outletstore beobachten oder einen jener Händler konsultieren, die sich auf speziell instandgesetzte („refurbished“) Geräte, etwa Leasing-Rückläufer, spezialisiert haben. Manche Fachhändler verzeichnen laut Stichprobe auf Preisvergleichsseiten sogar noch Restbestände an Neugeräten, allerdings aktuell zu recht hohen Preisen. Vielleicht geht da noch was. Im Frühsommer 2012 gab’s etwa das Spitzenmodell mit 64 GB RAM, Wifi und 3G bei Cyberport schon mal für rund 360 Euro.

Wer Unterstützung von der Community sucht, sollte sich im deutschen Thinkpad-Forum oder am besten gleich im englischsprachigen Hersteller-Forum umschauen, wo sich gelegentlich auch Lenovo-Mitarbeiter melden. Wer keine Angst vorm Rooten hat, kann die unabhängige ROM-Entwicklung bei XDA-Developers verfolgen oder gar selbst dazu beitragen.

Ein Gedanke zu „Gib Gummi, Thinkpad Tablet

  1. MF

    Hmmm… also ich finde bisher kann (leider) meiner Meinung nach noch kein Gerät dem Apple-Zeugs das Wasser reichen… auch Lenovo und Samsung nicht.

    Naja persönlich sehe ich Tables nur als Spielzeug an… aber die junge Facebook-Generation kommt von diesen Dingern nicht weg.

    Danke für deinen ausführlichen Test – ich habe aber noch Hoffnung das Lenovo „was gescheites“ für den Profi unter uns rausbringt 😉 !

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