Berlinale 2016: Was die Kriege aus Ex-Jugoslawien gemacht haben

Schauspielerin und Journalistin Vedrana Seksan bei der Premiere im Berlinale-Palast

Schauspielerin und Journalistin Vedrana Seksan bei der Premiere des Films „Smrt u Sarajevo“ im Berlinale-Palast

Filmemacher aus dem ehemaligen Jugoslawien haben es nicht leicht, neue Produktionen zu finanzieren – vor allem wenn der Film nicht von „Trompeten oder Blut“ handelt, wie der serbische Jungregissseur Nikola Ljuca ironisch sagt. Trotzdem schafften es drei neue Spielfilme aus Bosnien, Serbien und Kroatien ins Programm der 66. Berlinale, und einer davon bekam sogar einen Silbernen Bären. Update: Text gekürzt und Spoiler entfernt.

„Trompeten“ – also jene balkanische Blasmusik, die den Soundtrack zu Emir Kusturicas verschrobenen Gipsy-Epen der späten 80er und 90er Jahre lieferte und in dem putzigen Romeo-und-Julia-Verschnitt „Guča!“ von Dušan Milić (2006) ein wildes Fanfaren-Revival feierte – spielten dabei allerdings keine Rolle. „Blut“ schon. Zwar ist die Zeit der Balkan-Kriegsfilme inzwischen vorbei; aber kein zeitgenössischer Filmemacher kommt um die Frage herum, was der Krieg mit den Menschen in den nunmehr souveränen, aber auch segregierten Nachfolgestaaten Jugoslawiens gemacht hat. Bosnien-Herzegowina ist da ein besonderes Thema; denn es muss als einziges Ex-Ju-Land die Fiktion eines Vielvölkerstaates aufrechterhalten. Das Daytoner Abkommen und die internationale Gemeinschaft wollen es so, auch wenn diese Föderation de facto ein geteiltes Land ist.

Der bosnische Regisseur Danis Tanović sucht auf dieses Dilemma in seinem Wettbewerbsbeitrag Smrt u Sarajevo („Tod in Sarajevo“) eine humanistische Antwort. Der Titel spielt auf den 100. Jahrestag der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand durch den Studenten Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo an. Mehrere Handlungsebenen hat Tanovićs Drehbuch, aber nur einen Schauplatz: Das Hotel mit dem schönen Namen Europa (das es tatsächlich gibt, gefilmt wurde aber im Holiday Inn wegen dessen sozialistischer Patina) wird vor der Kamera von Erol Zubčević als Mikrokosmos des heutigen Bosniens zum Schauplatz eines filmischen Kammerspiels. Während oben auf dem Dach eine moderne Fernsehfrau Interviews über die geschichtliche Bedeutung des Attentats führt, bereitet sich unten in den Gängen und Hallen die Belegschaft des vor der Pleite stehenden Oldschool-Hotels auf einen Streik vor, um den angereisten EU-Honoratioren die wirtschaftliche Misere vor Augen zu führen – als ob’s die Besucher interessieren würde. Nicht nur die anfangs noch resolut durch endlose Gänge stöckelnde Rezeptionistin (Snežana Marković) verliert darüber den Boden unter den Füßen. Derweil probt in der Präsidentensuite ein französischer Schauspieler (Jacques Weber) unter den Augen bekokster Sicherheitsleute, die den teuren Gast per Video überwachen, seinen Monolog, den er abends im Theater vorführen soll; Ausgangspunkt für den Film war das Theaterstück „Hotel Europa“ des französischen Mode-Philosophen Bernard-Henri Levy, das tatsächlich zum 100. Jahrestag des Attentats in Sarajevo aufgeführt wurde – mit eben jenem Jacques Weber in der Solorolle.

Dass Danis Tanović ein großartiger Regisseur und genauer Beobachter ist, hat er schon mit seinem (Anti-) Kriegsfilm „No Man’s Land“ (2001) bewiesen, der die Goldene Palme für das beste Drehbuch und den Oscar gewann. Mit derselben satirischen Schärfe, mit der er damals die Absurdität des Kriegs vorführte, zeigt er heute das Nachkriegs-Bosnien als ruiniertes Land, das seiner blutigen Notwendigkeit – alle 50 Jahre Krieg – nur entkommen kann, wenn die drei Nationalitäten/Religionen vom gegenseitigen „ihr“ zum gemeinsamen „wir“ finden, wenn sie nicht länger nur in der Vergangenheit leben und sich gegenseitig die Verantwortung dafür zuschieben. Auf Europa braucht da niemand mehr zu hoffen; das Interesse der „zivilisierten“ Nachbarn erschöpft sich in humanistischer Phrasenschwingerei zu eben solchen Festtagen und Jubiläen.

Smrt u Sarajevo ist vor allem für Ex-Jugoslawien selbst ein wichtiger Film, der nicht unverdient einen Silbernen Bären, den Großen Preis der Jury, gewann, nachdem anno 2013 bereits Tanovićs Laien-Spiel aus dem Leben eines Schrottsammlers zwei Silberne Bären gewann. Und am Ende gibt es tatsächlich wieder einen Toten in Sarajevo.

Ungleich ruhiger und introvertierter kommt dagegen S one strane daher, eine kroatisch-serbische Ko-Produktion, die im Berlinale-Panorama Premiere feierte. Wenn der kroatische Regisseur Zrinko Ogresta sagt, dass sein Film vor allem eine Liebesgeschichte sei und der politische Hintergrund nicht vorrangig, dann ließe sich erwidern: Die Geschichte, die hier erzählt wird, hätte es ohne den Krieg nicht gegeben.

Vesna arbeitet in Zagreb als Krankenpflegerin, als sie einen unerwarteten Anruf von ihrem Ex-Mann Zarko erhält. Vor 20 Jahren hatten sich ihre Wege getrennt: Sie war mit Sohn und Tochter in die kroatische Hauptstadt geflohen; er kämpfte im Bosnienkrieg auf serbischer Seite und landete als Kriegsverbrecher vor dem Haager Tribunal.

Während die beiden inzwischen erwachsenen Kinder kein Interesse an einem Wiedersehen mit ihrem Vater haben, dessen Namen zu tragen sich als Fluch für sie erweist, entwickelt Vesna von Telefonat zu Telefonat wieder Gefühle zu ihrem Ex-Mann (Lazar Ristovski) – oder demjenigen, den sie für ihn hält. Die schauerliche Wahrheit kommt erst kurz vor Ende des Filmes heraus. Ksenija Marinkovic spielt Vesna unpräteniös, aber sehr präsent und raumgreifend – ein Frau, die unerwartete Gefühle entwickelt und schließlich in bodenlose Enttäuschung stürzt. Wo Smrt u Sarajevo ein Feuerwerk historischer Referenzen aus der jugoslawischen Geschichte abbrennt, erzählt S One Strane eine kleine Geschichte vor einem großen, bedrückenden Hintergrund. In Berlin hat dieser feine Film viele Zuschauer ratlos zurückgelassen, zumal er alles andere als geschwätzig ist.

Anders liegen die Dinge bei Vlažnost (Feuchtigkeit), dem Langfilm-Debüt des serbischen Regisseurs Nikola Ljuca. Ein Erfolgstyp wie der Belgrader Manager Petar, der große städtische Bauprojekte an Land zieht und abends in der Nobel-Disko mit Kokain und Schampus feiert, könnte genauso gut in London oder Berlin zu Hause sein. Er verkörpert Gier und Triumph des Turbo-Kapitalismus, aber eben in der Belgrader Version. Für Ljuca ist die Figur Petar der Prototyp jener Fortysomethings, die in den Neunzigern noch gegen Milosević protestiert haben, nur um dann zu coolen, egoistischen Biznismen im Armani-Anzug zu mutieren, für die alles käuflich ist.

Doch als seine Frau Mina plötzlich spurlos und ohne eine Nachricht verschwindet, bricht Petars Welt beinahe zusammen. Mühsam hält der verlassene Ehemann die Fassade aufrecht, niemand darf die Wahrheit erfahren, sogar der eigenen Familie werden Lügengeschichten aufgetischt. Irgendwann ist der Baulöwe nur noch ein Gespenst, das nachts ruhelos durch Belgrader Straßen joggt – und schwitzt, wie alle in diesem Film schwitzen. Es ist Sommer und es ist heiß; am Ende aber wird er tatsächlich noch kommen, der lang erwartete Regen, einer Sintflut gleich. Feuchtigkeit.

Miloš Timotijević spielt den Petar zuerst lässig, dann mit soldatischer Verbissenheit im Kampf um den Heile-Welt-Status. Tamara Krcunović hat als Mina nur Auftritte am Anfang und Ende des Films, doch die intensive Eröffnungssequenz mit ihrem Liebhaber ist der emotionale Höhepunkt von Vlažnost und bildet zugleich den Gegenpol zur Kälte des Kapitalimus‘. Zum Schluss der intimen Szene lässt das Drehbuch von Staša Bajac die Liebenden ein Gedicht des Belgrader Lyrikers Ivan Lalić zitieren: „Nikad samlji nego krajem jula“. Nie einsamer als am Ende des Juli.

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